Der deutsche Mittelstand setzt auf Public Cloud Computing

Datum: 20.12.2015

Cloud Computing im Mittelstand ist schon seit langer Zeit ein Trend, mit dem Unternehmen ihre moderne IT unterstützen. Besonders auf dem US-amerikanischen Markt kann das Cloud Computing schon viele Jahre Erfolge feiern.  In Deutschland wurde die Entwicklung zunächst mit Skepsis betrachtet, aufgrund der immer größer werden Relevanz für eine moderne IT-Infrastruktur und gesammelte Erfahrungswerte immer wichtiger. So hat Cloud Computing im Mittelstand seit 2014 an Fahrt zugenommen.

Warum standen Europa – und ganz vorne weg Deutschland – bis vor zwei Jahren diesem IT-Wandel so skeptisch gegenüber? Dieser Artikel befasst sich mit einer aktuellen Studie zum Thema Public Cloud Computing im deutschen Mittelstand sowie der Rolle von IT-Systemhäusern.

Cloud Computing als eierlegende Wollmilchsau?

 

Namhafte Analysten wie bspw. Gartner oder IDC registrieren, dass sich hierzulande immer mehr die Überzeugung durchsetzt, Cloud Computing leiste einen signifikanten Beitrag zur Steigerung von Produktivität, zur Reduktion von Komplexität und Verkürzung von Bereitstellungszeiten neuer IT-Infrastrukturen. Und schlussendlich könne Cloud Computing auch noch wichtige Compliance-Fragen beantworten. Auf dieses Thema angesprochen, führe ich gerne Zalando als eines von vielen bekannten Beispielen auf, die zeigen „The cloud is the new normal“.

Nun springt Crisp Research den bekannten Größen mit einer aktuellen Studie über den Mittelstand Deutschlands zur Seite. Darin wird Cloud Computing als Fundament einer neuen Zeitrechnung mit einer ganzen Reihe von kurz bevorstehenden Veränderungen verknüpft. Industrie 4.0 und Internet of Things werden mit Cognitive Computing im selben Atemzug genannt. Für all diese Veränderungen sei „Public Cloud die treibende Kraft“. So stünde Public Cloud für Innovation, Agilität und Geschwindigkeit und repräsentiere damit die sogenannte Dynamic IT.

 

85% der Mittelständler befassen sich mit Cloud Computing

 

In einer repräsentativen Umfrage unter deutschen Mittelständlern wurde nach dem aktuellen und zukünftigen Einsatz von Cloud Computing gefragt. Es antworteten überwiegend CIOs, IT-Leiter sowie Geschäftsführer (66,2%) und erstmals in einer solchen Umfrage gaben dabei über 85% der Unternehmen an, sich in der „Phase der aktiven Planung und Implementierung oder bereits im produktiven Betrieb von Cloud-Services und -Technologien“ zu befinden. Niemals zuvor war der Anteil an Unternehmen größer, die sich intensiv mit Public Cloud Computing auseinandersetzen und diese Technologie fest in ihre weitere Unternehmensplanung einbauen. Die Cloud-Verweigerer sind inzwischen mit unter 15% weit abgeschlagen. Ein Wandel, der schließlich nicht nur durch einen Generationswechsel in den Unternehmen unterstützt wird, sondern einer betriebswirtschaftlichen Logik folgt – zumindest noch. Meiner Überzeugung nach wird sich das Blatt in spätestens zwei Jahren soweit gewendet haben, dass der Verzicht auf Cloud Computing zu einem ernsten Wettbewerbsnachteil und damit zu einem Risiko wird.

 

Systemhäuser: natürlicher Feind von Public Cloud Computing?

 

Mir wird häufig die Frage gestellt, warum die Unternehmen in Europa erst jetzt auf den Zug Public Cloud Computing aufspringen. Untersuchungen bringen zum Vorschein, dass den europäischen Unternehmen schlicht und ergreifend die Kompetenzen für den Einsatz von Public Cloud Computing fehlen. Dies kann ich aus persönlicher Erfahrung durch Gespräche mit betroffenen Unternehmen bestätigen. IT-Leiter setzen immer noch gerne auf eigene Hardware. Dieses Verhalten wird dadurch begünstigt, dass Systemhäuser seit Jahrzehnten die einzigen Berater des Mittelstands sind. Systemhäuser sind aber so etwas wie der natürliche Feind von Public Cloud Computing. Um diese Argumentation nachzuvollziehen, ist es nötig sich in das Geschäftsmodell eines Systemhauses hineinzuversetzen.

Ein Systemhaus lebt davon, Soft- und Hardware bestimmter Hersteller an seine Kunden zu verkaufen. Gepaart mit Einrichtungs- und Wartungsverträgen ist dies ein lukratives Geschäft. Ein Geschäft, das sich gleich doppelt bezahlt macht:

Der offensichtliche Geldfluss kommt von dem Kunden des Systemhauses. Dieser bezahlt für Beratung, Bereitstellung, Einrichtung und Wartung von IT. Einfache und schlecht planbare Tätigkeiten werden dabei auf die IT-Abteilung des Kunden übertragen, anspruchsvolle und gut planbare Tätigkeiten übernimmt das Systemhaus über einen Wartungsvertrag. Lassen sich im reinen Hardwaregeschäft nur noch geringe 1-stellige Margen erwirtschaften, kommt das Paket aus Beratung, Hardware und Wartung üblicherweise auf Margen im 3-stelligen Bereich.

Der zweite, meist versteckte, Geldfluss kommt vom Software- oder Hardwarehersteller. Also dem Lieferanten des Systemhauses. Die Hersteller von Soft- und Hardware haben verstanden, dass sogenannte „Kick-Back Zahlungen“ die Loyalität fördern und ein Systemhaus dazu inzentivieren, die „richtigen Produkte“ an seine Kunden zu verkaufen. Der Hersteller einer Soft- oder Hardware zahlt also eine Provision an das Systemhaus. Je größer der Umsatz mit einem Hersteller, desto weiter steigt das Systemhaus im Provisionssystem auf. Ein lohnenswertes Geschäftsmodell, das sich durch die Reduktion der Angebotspalette auf nur wenige Hersteller stark optimieren lässt.

Nun ziehen aber zunehmend Cloud-Enthusiasten in die Unternehmen ein, die sich mit der Forderung nach Dynamic IT und einfachen Lösungen immer mehr durchsetzen und damit Unternehmen und Systemhäuser in eine schwierige Situation bringen. Werden Lösungen einfacher, wird das Systemhaus weniger gebraucht. Werden diese Lösungen am Systemhaus vorbei eingekauft, entgeht dem Systemhaus wichtiger Umsatz. Einige der Systemhäuser haben den Wandel erkannt und nehmen Public Cloud Computing in ihr Portfolio auf. So gelingt es sowohl „Kapitalströme aus zwei Richtungen“ am Leben zu erhalten als auch dem Kundenwunsch nachzukommen. Doch auch für den Public Cloud Provider kann so eine Kooperation nach meiner Erfahrung wertvoll sein. Denn das Systemhaus übernimmt in seiner Rolle den Service und Vertrieb für die Public Cloud Lösung und schont damit die Personalressourcen des Cloud Providers. Gemeinsam mit Systemhäusern ist es uns als gridscale zum Beispiel möglich, als Managed Public Cloud Provider zu agieren. Ein Vorteil, der sich auf allen drei Seiten – dem Kunden, dem Systemhaus und dem Cloud Provider bezahlt macht. Denn jeder kann sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren.

Die Cloud-Enthusiasten zwingen aber nicht nur Systemhäuser zum Umdenken. Sie bringen auch neue Kompetenzen und viel Interesse an Dynamic IT in das Unternehmen ein und ändern die Erwartungshaltung der Belegschaft. Dies führt nachweislich zum Umdenken von Unternehmen. Um die eigenen Mitarbeiter mit modernen Lösungen und IT-Ressourcen zu versorgen, greift bereits ein Drittel der befragten Unternehmen mit 20 – 1.000 Mitarbeitern zum Deployment in Public Cloud Umgebungen. Bei Unternehmen mit 1.001 – 2.500 Mitarbeitern hingegen greifen nur etwa ein Viertel zu dieser Technologie.

 

Eine Private Cloud kann nur ein erster Schritt in Richtung Dynamic IT sein

 

Der Unterschied zwischen Unternehmen mit 20 – 1.000 Mitarbeitern und Unternehmen mit 1.001 – 2.500 Mitarbeitern wird damit erklärt, dass größere Unternehmen in der Vergangenheit häufiger das finanzielle Risiko eingegangen sind, in eine Private Cloud zu investieren. Viele dieser Investitionen befinden sich noch in der Abschreibung und werden erst in den kommenden Jahren ersetzt. Doch mittelständische IT-Entscheider haben verstanden: eine reine Private Cloud Umgebung stößt schnell an ihre Grenzen und kann nur ein erster Schritt in Richtung Dynamic IT sein.

Unter den strategischen Gründen für eine Public Cloud befinden sich in erster Linie steigende Kundenanforderungen (47,3%), dicht gefolgt von hohen Innovationsgeschwindigkeiten (44%), die mit herkömmlicher IT nur schwer harmonisieren. Hohe Investitionen (CAPEX) bei der Anschaffung lokaler IT-Infrastrukturen gaben hingegen nur 11,3% der befragten Unternehmen als Grund für das Umdenken in Richtung Cloud Computing an.

Über alle befragten Unternehmen hinweg werden 17% vom veranschlagten IT-Budget für Cloud Lösungen budgetiert, verglichen mit US-amerikanischen Unternehmen ist allerdings noch Nachholbedarf erkennbar, hier werden ca. 42% des IT-Budgets für Cloud Lösungen ausgegeben.

 

Cloud Betreiber verstehen ihr Handwerk, was gegenüber lokaler IT zu einem gesteigerten Sicherheitsniveau führt

 

Herausgestellt wird noch einmal, dass Cloud-Anbieter gegenüber lokaler IT als sicherer gelten. So finden sich in nahezu allen Public Cloud Infrastrukturen signifikant höhere Sicherheitsmaßnahmen, als es in üblicher Unternehmens-IT der Fall ist. Die befragten Unternehmen hoffen also zu Recht (20%) auf eine höhere Sicherheit bei der strategischen Neuausrichtung ihrer IT. Der Standort spielt nach wie vor noch eine wichtige Rolle bei der Wahl eines Public Cloud Anbieters. Zwar haben fast 82% der befragten Unternehmen Erfahrungen mit Amazons (AWS) Angeboten gesammelt, vertrauen ihre unternehmenskritischen Daten jedoch lieber einem im Inland sitzendem Cloud-Anbieter ohne US-amerikanische Wurzeln an.

Ein bedenklicher Trend ist allerdings bei der Selbsteinschätzung der befragten Unternehmen zu erkennen. Nur 33% trauen sich heute die selbstständige Realisierung eines IT-Projekts zu. Dass in Zukunft nur noch 31% der befragten Unternehmen davon ausgehen IT-Projekte realisieren zu können, stimmt mich nachdenklich. Grundsätzlich geht dies jedoch einher mit der Erkenntnis, dass bereits heute 7% der Unternehmen die Verantwortung für IT gänzlich abgegeben und der Anteil dieser Unternehmen zukünftig sogar 15% erreichen wird. Wenn ich daran denke, dass sich Unternehmen mit rasanter Geschwindigkeit weiter digitalisieren werden, ist es für mich nur eine Frage der Zeit bis die ersten Unternehmen ihre Kernkompetenzen digitalisiert – und damit aus der Hand gegeben haben.

Welche Konsequenzen und konkreten Maßnahmen können CIOs und IT-Verantwortliche nun veranlassen, um ihr Unternehmen für den Einsatz aktueller Cloud-Technologien vorzubereiten? Neben der Weiterbildung eigener Mitarbeiter und einer klaren Pro-Cloud-Strategie sollte die „Cloud-Readiness für existierende Applications“ erfasst werden. Die meisten Anwendungen lassen sich problemlos in einen Cloud-Workload verschieben, ohne dass ein Anwender davon etwas mitbekommt.

Kurzum: Es bleibt spannend um das Thema Public Cloud Computing im deutschen Mittelstand. Bei Anmerkungen zu diesem Artikel freue ich mich auf Rückmeldungen, ihr erreicht mich unter team@gridscale.io.

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